BG/BRG Lerchenfeld
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Ein Essay

Der Volksgruppenkonflikt im Garten der Lüste

Ewald E. Krainz und Dietmar Larcher im Vergleich: Krainz ist Professor an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt und lehrt Philosophie und Gruppendynamik. Er beschäftigt sich schon seit Jahren auch mit dem Thema „Volksgruppenfrage“ und leitet einige Aspekte tiefenpsychologisch her. Von ihm stammen mehrere Schriftstücke, unter anderem „Die Angst vor dem Fremden“ und „Neues aus der Heimat“. Diese beiden Texte wurden von uns näher behandelt.
Dietmar Larcher war nach Germanistik- und Anglistikstudium kurzzeitig Direktor des Skigymnasiums in Stams, danach war er Assistent an der Erziehungswissenschaft in Innsbruck, lehrte daneben an der Klagenfurter Universität Fachdidaktik und wurde anschließend Professor für Lehrerweiterbildung an der Universität Klagenfurt und der Universität Krems, zwischen Habilitation und Professur war er auch als Lehrer am BG/BRG Lerchenfeldstraße tätig. Er veröffentlichte verschiedene Schriften zur Problematik der gemischtsprachigen Minderheit in Südkärnten.
Bereits im „Unruhestand“ schrieb er das Buch „Fremdgehen“ (Drava-Verlag), welches erst vor kurzem publiziert wurde und sich mit gemischtethnischen Paarbeziehungen beschäftigt. Beide Autoren behandeln zwar dasselbe Thema, betrachten es jedoch aus verschiedenen Gesichtspunkten. Während Ewald E. Krainz sich an einer tiefenpsychologischen Deutung versucht, nimmt Larcher den Weg über verschiedene Einzelschicksale und teilweise künstlich herbeigeführte Situationen und schafft es damit, ein Gesamtbild der Problematik zu vermitteln. Das Grundproblem erschließt sich dem Leser mit Larchers Methode früher, aber nicht besser. Die Sprache Larchers in seinen Werken ist für die Allgemeinheit leichter verständlich, dafür taucht Krainz tiefer in die Psyche der Kärntner ein. Nach Krainz’ Auffassung beruht die Volksgruppenfrage auf einem Vater-Sohn Konflikt. Dem gegenüber steht Larcher, der eigentlich nicht so sehr den psychologischen Ursachen auf den Grund geht, sondern sich vielmehr mit den Auswirkungen beschäftigt, zum Beispiel der hohen Selbstmordrate Kärntens oder der Abwertung der Zweisprachigkeit in den Kärntner Schulen.
Krainz ist der Auffassung, dass der Kärntner Heimatdienst den Sohn symbolisiert, Slowenien den Vater, der dem Sohn die Mutter, das heißt das Bundesland Kärnten, entreißen will, er sieht also einen „klassischer“ Ödipuskonflikt. Man kann dies deshalb als Ödipuskonflikt deuten, da der Kärntner (Sohn) seinem Land (Mutter) eine so große Liebe entgegenbringt (Bekenntniszwang) und ständig in Angst lebt, dass Slowenien (der Vater) diese Liebe zerstören will. Diese Liebe zeigt sich zum Beispiel dadurch, dass die Kärntner in ihren Heimatliedern dem Land höchste Verehrung darbieten. „Lindwurm und Sumpf sind Penis und Vagina…“. Die Herkulesstatue, die den Lindwurm erschlägt, ist somit ein weiteres Anzeichen für diesen Vater-Sohn Konflikt (der tote erschlagene Lindwurm ist gleichbedeutend mit dem erschlagenen, eroberten Vater, der somit der Mutter Erde (Sumpf) entrissen wurde).
Laut Krainz gibt es in Kärnten viele versteckte Symbole für das typisch Weibliche z.B: Weggabelungen, Gefäße, Urnen etc. Krainz’ Theorien und psychosexuelle Deutungen ließen die Wogen hochgehen, vor allem beim Kärntner Heimatdienst. Dessen Mitglieder fühlten sich persönlich angegriffen und schrieben Briefe an Ewald E. Krainz, in denen sie ihrem Unmut und ihrer Empörung Luft machten. Davon ließ er sich jedoch nicht einschüchtern und verfasste abermals einen wissenschaftlichen Text mit dem Titel „Neues aus der Heimat“.
Der Titel alleine deutet schon an, dass Krainz erneut versuchen will, die Probleme in Südkärnten zu klären und ihnen auf den Grund zu gehen.
In diesem Text verzichtet er weitgehend auf tiefenpsychologische Interpretationen des Konflikts und geht die ganze Sache von der nüchternen Seite an. Er probiert die an ihn gerichteten, aus seiner Sicht aus tiefer Betroffenheit und möglicher Selbsterkenntnis geschriebenen Briefe zu beantworten. Er erschließt dem Leser neue tragende Aspekte und geht erstmals auch auf die politische Situation in Kärnten ein, die Grundproblematik bleibt jedoch bestehen.
Dietmar Larcher sieht Kärnten als „Garten der Lüste, den ich arglos betreten hatte“. Die Kärntner sind einerseits „gepeinigt von Angst, zu Tode traurig“, aber andererseits sehr fröhlich, was sich vor allem in den vielen „fidelen“ Musikgruppen widerspiegelt, er vertritt sogar die sehr gewagte These, die Kärntner seien „am Grunde ihrer Traurigkeit lustvoll leidend“.
Der Verfasser des Textes geht allerdings nicht völlig unvoreingenommen in die Untersuchung, da er zum Beispiel voraussetzt, dass es ein soziales Unbewusstes gibt, das auch vor dem Forscher nicht Halt macht, oder dass die Menschen ihren Sozialcharakter ausbilden, indem sie sprechen, arbeiten etc, ja dass auch Forschen nicht unbedingt Distanz bedeutet. Nicht ungestraft beschäftige sich der Forscher mit seinem Gegenstand. Dieses Feld verändere auch den Forscher.
Wie bereits weiter oben erwähnt, gibt es in Kärnten eine sehr hohe Selbstmordrate (z.B. legten in Krumpendorf in den letzen Jahren mehr als 5 Personen Hand an sich). Aus dieser offensichtlichen und erwiesenen Tatsache zieht D. L. den Schluss, dass die Bevölkerung des Bundeslandes Kärnten äußerst depressive und melancholische Züge aufweist. Dies könnte daraus resultieren, dass in Kärnten, während im 19. Jahrhundert überall in der restlichen Welt ein industrieller Aufschwung stattfand, sich eher ein wirtschaftlicher Fall ins Bodenlose (Niedergang der Eisen verarbeitenden Industrie) ereignete. Daraufhin hatten die vielen Kleinbauern ihre wichtigsten Einnahmequellen verloren, was sie wirtschaftlich ruinierte und unfrei machte (Reagrarisierung), sich auch heute noch in der Mentalität der Kärntner widerspiegelt.
Für Larcher ist der Slowenenkonflikt folglich so wie für Krainz ein Produkt der kärntner-eigenen Ängste, aber bei ihm ergeben sich diese aus der Wirtschaftsgeschichte des Landes und nicht allein aus der Tiefe der Psyche.
Obwohl für uns der Beginn des Konflikts schon in weiter Ferne liegt, ist er für uns als Kärntner dennoch immer noch aktuell. Der „wiederauferstandene Ortstafelsturm“ tobt heftiger denn je und ein Ende ist nicht abzusehen. Da sich jeder politische Verantwortliche in Kärnten für „nicht zuständig“ erklärt und auch die andere Seite nicht um einen Konsens bemüht ist, nehmen die Debatten ihren weiteren Verlauf.
Unserer Meinung nach reagieren alle Beteiligten überzogen, da der Konflikt eigentlich kein Konflikt sein sollte. Seit jeher lebten die Menschen in Südkärnten friedlich miteinander, bis der Erste Weltkrieg das Land spaltete. Ab diesem Zeitpunkt fühlte sich jede Seite benachteiligt und wollte keinen Millimeter von ihrem Standpunkt abrücken.
Während in den Anfangszeiten des Konfliktes Kärnten tatsächlich befürchten musste, Territorien an den SHS- Staat zu verlieren, ist diese Angst heutzutage völlig unbegründet, da unserer Ansicht nach kaum anzunehmen ist, dass Slowenien Teile von Kärnten an sich reißen will. Krainz und Larcher suchten andere Gründe für diese „Kärntner Urangst“, was, falls diese Motive tatsächlich der Ursprung des ganzen Problems sind, unserer Meinung nach zur Folge haben müsste, dass der Kärntner Volksgruppenkonflikt niemals ein Ende finden wird und es daher für die Betroffenen vielleicht sogar besser wäre, wenn Larcher und Krainz nicht in allen Punkten Recht hätten.
Trotzdem vermitteln die beiden Autoren einen guten und interessanten Gesamteindruck über die derzeitige Situation und lassen viele Aspekte einfließen, die ansonsten vielleicht unbeachtet geblieben wären und daher möglicherweise etwas zur Lösung des Problems beitragen könnten.

Susanne Biedermann, Thomas Eixelsberger, Marina Kernle