BG/BRG Lerchenfeld
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Kreitzberg

Alexander Widner wurde am 10.November 1940 in Wien geboren und wuchs in Kärnten und Niederösterreich auf. Er begann mehrere Studien, schloss aber nicht ab. Alexander Widner lebte u.a. auch in den USA. Widner erhielt mehrere Auszeichnungen und Ehrungen: Prix Futura, Berlin (1981). Dramatikerstipendium des österreichischen BM für Unterricht und Kunst (1982+1983+1986). Literatur-Staatsstipendium des österreichischen BM für Wissenschaft, Verkehr und Kunst (1996). Literatur-Würdigungspreis des Landes Kärnten (1997). Veröffentlicht wurden folgende Werke: Kataraktis, Stück (1982, Villach). Arktis, Hörspiel (1983, ORF). Dichter, Flucht und Alma, Ein Bergstück (1994, Reichenau), Stark wie ein Nagel, Roman (1996, Deuticke), Tag und Nacht und Tag (1998, Wieser), Sergej, 21 Szenen aus der Manege (1998, raz). Gegen Tagesende, Komödie des Alltags (2000, Deuticke). Widner lebt heute in Klagenfurt, wo er viele Jahre in der Kulturabteilung der Stadt arbeitete, und in New York als freier Schriftsteller.
Die Hauptfigur in Alexander Widners Roman ist der Bürgermeister von Kreitzberg, einer dieser Städte, „die der Welt hinterher laufen und überleben, weil sie übersehen werden.“ Der Bürgermeister, Bruno Grobschneider, wird korrupt und unfähig gezeichnet. Doch er glüht vor Ehrgeiz und so veranlasst er ein Großprojekt nach dem anderen: Brücke, Hallenbad, Kongresshaus, Palmenhaus, Parkhaus, neuer Hauptplatz. In seinem Auftrag suchen Wünschelrutengeher nach einem "Ort der Kraft" und finden statt der erhofften Therme eine Sickergrube. Auf Teufel komm raus lässt er ein Stadion bauen, das auf dem sumpfigen Grund gleich mehrere Meter absinkt. Natürlich lässt sich Grobschneider auch persönlich nichts abgehen - gönnt sich Limousine mit Chauffeur, Heimkino, Swimming Pool wie be-heizte Einfahrt - und lässt sich auf peinlichste Weise feiern. Zum Beispiel beauftragt er einen örtlichen Bildhauer, eine nackte Jünglingsskulptur anzufertigen, die ihm ähnlich sehen soll. Einen Taugenichts stellt er als Auslandsdirektor ein, weil er der Neffe eines Freundes ist, oder ein Totengräber wird ins Rathaus geholt, weil er die Gruben für Moribunde bereits auf Vorrat aushebt. Außerdem lässt Brunos Manneskraft nach, weshalb seine Frau sich von anderen beglücken lässt. Am Schluss brennt Kreitzberg. Doch nicht der verrückt gewordene nerohafte Bruno hat es angesteckt, sondern eine Horde Fußballfans. Immerhin ist das Städtchen durch seinen Bürgermeister noch zum Austragungsort von wichtigen Fußballspie-len nominiert worden.
Wie man es von heute uns umgebenden Realität kennt, herrscht auch in der eigentlich schönen und zentral liegenden Stadt Kreitzberg die Korruption. Wenn jemand etwas für die Allgemeinheit macht, dann macht er oder sie es für Geld oder für Ruhm. Bruno möchte der größte Bürgermeister in der Geschichte von Kreitzberg am Würzelsee werden. Er möchte sich bereichern und selbst unsterblich werden durch die Erinnerung an ihn. Trotz leerer Stadtkassa muss ein Stadion und ein Einkaufszentrum errichtet werden. Marmorplatten werden verlegt um das Stadtbild zu verbessern. Nur, was haben die Bürger davon? In wich-tigen Bereichen wie Bildung oder Straßenbau wird eingespart. Das Fernheizkraftwerk, das durchaus wichtig ist, kann altern bis es einstürzt. Ein Bürgermeister ist in erster Linie für das Wohlergehen der Bürger verantwortlich und nicht dafür, dass seine Stadt und damit er, be-kannter werden. In Widners Roman bedeutet diese Einstellung sogar das Ende für Kreitzberg.
Widner zeichnet Kreitzbergs Bürger als johlende Meute. Sie denkt nicht viel und alles soll so bleiben wie es ist und war. Sie johlt und kreischt im Stadion oder bei Volksfesten, bei Eröffnungen oder Ansprachen ihrer „Obertanen“. Sie wählt einen ständig betrunkenen, lauten und rüpelhaften Bürgermeister, sozusagen ihr „Spiegelbild“. Man kann es auch so sehen, dass sich die Stadt selbst ins Verderben stürzt. Auf der einen Seite lästern die Leute in Kreitzberg über alles und jedes. Wird ein Stadion gebaut, ist es zu teuer und zu groß, wird ein Einkaufszentrum errichtet, ist das hirnlos, weil dadurch die anderen Geschäfte in der Innenstadt sterben. Während der Hauptplatz renoviert wird, sind die Straßen in katastropha-lem Zustand und wird dann einmal eine Straße erneuert, behindert dies den Frühverkehr. Es gibt also tausende Ereignisse, über die man sich aufregen kann. Natürlich aus gutem Grund, weil viele Vorgangsweisen ja wirklich unüberlegt sind. Auf der anderen Seite sind es die Bürger, die den Bürgermeister wählen, es sind die Bürger, die ihm dann wieder zujubeln und sich so mehrere Male auf jeden Schwachsinn einlassen. Wenn es Probleme gibt, packt kaum einer mit an. Ein Bürgermeister wird es schon richten. Also den Bürgern scheint es egal, was in Kreitzberg vor sich geht, aber am Ende wünschen sie sich alles perfekt. Ergibt den Schluss: Sollte jemand glaubt, er könne es besser, könnte der doch jederzeit bei der nächsten Wahl kandidieren und den perfekten Bürgermeister abgeben, er müsste nur Verantwortung übernehmen.
Ich persönlich schätze Alexander Widners Spiegel für diese Stadt. Weiters finde ich, dass die Situation dieser verwahrlosten Stadt nicht besser geschildert werden kann, als es Alexander Widner tut. Obwohl die Handlung in einzelne hektische anekdotenhafte Aktionen zerfällt, entfaltet das Geschehen durchaus einen Reiz, etwa wenn die Senioren nach der Verlegung des Altersheims randalieren und zur Gefahr für die öffentliche Ordnung werden. Oder wenn ein Totengräber für fähig gehalten und ins Rathaus geholt wird, weil er die Gruben bereits auf Vorrat aushebt. Eine Satire? Wohl eher eine Realsatire.
Kreitzberg am Würzelsee: Schon auf den ersten drei Seiten des Romans findet der ortskundige Leser heraus, dass es sich eindeutig um Klagenfurt am Wörthersee handelt. Widners Roman ist ein gewisser persönlicher Zorn anzumerken. Bis ins Groteske überzeichnet, be-schreibt er wortmächtig und mit Spott Verhältnisse, Zu- und Umstände einer verrotteten Provinzstadt. Ich denke mir, dass Alexander Widner, der seit langem in Klagenfurt lebt, selbst schlechte Erfahrungen mit der Stadt gesammelt hat. Erfunden scheint der zur Hauptfigur avancierte Bürgermeister nicht und so stelle ich mir die Frage: Wie weit darf Literatur an die konkrete Realität heranreichen? Alexander Widner zeichnet den Bürgermeister als unfähigen, rechthaberischen und cholerischen Alkoholiker. Er zeichnet ihn als eher kleines Licht. Auch wenn er ihn Bruno Grobschneider nennt, muss sich das Muster der Figur doch in vielem wiedererkennen. Kunst ist frei und das ist gut so. Das war nicht immer so und ist hierzulande immer noch nicht selbstverständlich. Thomas Bernhards „Holzfällen“ ist ein Opfer der Justiz geworden, die das so nicht gesehen hat. Ein Maria Saaler Bürger hat sich, so behauptet er, in einer Figur des Romans wiedererkannt und geklagt. Der Richter hat ihm damals Recht gegeben. Das hat international für Aufsehen gesorgt und Diskussionsstoff für viele Diskussionen ergeben. Inzwischen dürfte man das wohl auch in Österreich anders sehen, als es der Richter damals gesehen hat. Holzfällen ist in einer aufsehenerregenden Polizeiaktion damals aus dem Verkehr gezogen worden. Polizisten haben zeitgleich in ganz Österreich Buchhandlungen gestürmt und „Holzfällen“ be-schlagnahmt. Bernhard hat mit einem Österreichboykott für alle seine Publikationen und mit Aufführungsverbot in Österreich für alle seine Stücke reagiert.
Erst mit „Heldenplatz“, einer Generalabrechnung mit seinem alten Vaterland, wurde wieder ein Stück von Bernhard im Burgtheater gespielt. Es ist genau für dieses Theater und für das Österreichpublikum geschrieben worden.
Darf das alles sein? Ich denke, ja, das darf nicht nur sein, das muss sein! Ingeborg Bachmann, die große ungeliebte Tochter der Stadt, die man erst als Tote wieder nach Klagenfurt heimgeholt hat, hat den berühmten Satz geschrieben: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Kurz nach Erscheinen von „Kreitzberg“ im Drava-Verlag hat der Georg-Büchner-Preis-Träger Josef Winkler anlässlich der Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur (vorher Ingeborg Bachmann-Preis) eine bemerkenswerte Rede gehalten, in der er die verrotteten Verhältnisse der Kärntner Realität direkt anspricht und großes Aufsehen erregt.
Vielleicht hat er dabei auch an Georg Büchner gedacht, der allerdings fliehen hat müssen, nachdem er die berühmte Flugschrift „Friede den Hütten, Tod den Palästen“ in Umlauf gebracht hat. Alexander Widner ist durch die beachtliche Bearbeitung des Büchner-Stückes „Woyzeck“ aufgefallen. Damit schließt sich wohl der Kreis.

Nicolas Napetschnig, 7S