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Kreitzberg von Alexander Widner

Biografie

Alexander Widner wurde am 10.November 1940 in Wien geboren und zählt zu den bedeutendsten österreichischen Schriftstellern. Er wuchs in Niederösterreich und Kärnten auf. Widner verbrachte einige Jahre im Ausland, unter anderem sechs Jahre in den USA (Sacramento, Kalifornien). Er verarbeitete diesen Aufenthalt in dem Buch "Es war in Amerika". Nach der Rückkehr aus den den Vereinigten Staaten war er in der Kunstabteilung der Stadt Klagenfurt tätig. In der 2009 erschienenen Satire "Kreitzberg" rechnet Alexander Widner mit Klagenfurt und mit der in dieser Stadt herrschenden Politik ab. Mittlerweile verbringt Widner das halbe Jahr in New York, die restliche Zeit in Klagenfurt.

Prosa:

Sprechquartett, 1980;
Es war in Amerika, 1993;
Stark wie ein Nagel, 1996;
Tag und Nacht und Tag, 1998;
Gegen Tagesende, 2000;
Am Abgrund der Bücher, 2005;
NY 11235, 2007

Stücke:

Kataraktis, 1982;
Nietzsche oder das Deutsche Elend, 1999
Buñuel, der Fisch und das Wasser, 1997;
Sergej - 21 Szenen aus der Manege, 1998;
Wozzek oder Das Leben liebt die Klinge, 2005.

Vgl.: 14.9.2009 http://www.theaterkaendace.at/ensemble/widner.html
  http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Widner
   

Inhalt

In der von Alexander Widner verfassten Satire dreht sich alles um Bruno Grobschneider, der Bürgermeister der Stadt Kreitzberg am Würzelsee werden möchte. Schon sein Vater war der Oberste im Rathaus und Bruno möchte ihm natürlich nicht nachstehen. Seine Bekanntheit und besonders seine Trinkfestigkeit kommen ihm zugute. Tatsächlich gewinnt Bruno Grobschneider die Wahl und als frisch gewählter Bürgermeister möchte er natürlich der Stadt seinen Stempel aufdrücken. So lässt Bruno Wünschelrutengänger in der Umgebung Kreitzbergs ausschwärmen, doch anstatt einer Thermalquelle finden sie nur eine Sickergrube.
Bruno macht diese Enttäuschung schwer zu schaffen und er lässt nun ein Stadion auf dem sumpfigsten Boden Kreitzbergs errichten. Wie von Statikern prophezeiht, sinkt das Stadion um mehrere Meter ein und die ganze Welt macht sich über das „tiefste Stadion“ Österreichs in der kleinen Provinzstadt Kreitzberg am Würzelsee lustig. Des Bürgermeisters Tatendrang spiegelt sich auch in seinem Privatleben wider. Nicht nur ein riesiges Haus mit Pool, sondern auch eine nackte Statue seinerselbst lässt er errichten.
Die Kreitzberger lieben ihn so wie er ist, doch Bruno bemerkt irgendwann, dass niemand außerhalb seiner Stadt etwas von Bruno Grobschneider wissen möchte. Deswegen lädt er Politiker aus mehreren europäischen Staaten zu einem Treffen ein. Aber auch dabei blamiert sich Bruno kräftig. Am Ende der Satire brennt Kreitzberg während einer Rede Brunos ab. Der Bürgermeister wird zur Legende, da er trotz brennenden Rednermauls und verrußter Zähne seine Rede fortsetzt.

Textanalyse

Alexander Widner, der vor allem Essays verfasste, wagt sich mit diesem satirischen Roman in ein für ihn bisher unbekanntes Terrain. Er landet mit seiner lakonischen und in kunstvoller Kürze gehaltenen Sprache einen Volltreffer, denn der Roman ist durchwegs unterhaltsam und amüsant. Die Satire „Kreitzberg“ wurde vom heimischen Schriftsteller in New York verfasst, denn dort wurde ihm die Provinzialität der Kleinstadt Kreitzberg erst richtig bewusst.
Der Roman wurde aus der Sicht eines Er-Erzählers (auktorialen Erzählers) geschrieben. Eine Besonderheit des Romans stellt die detailreiche Beschreibung der einzelnen Charaktere dar. Die verwendeten Figuren weisen durchwegs individuelle Züge auf, dies gilt besonders für den Hauptcharakter Bruno Grobschneider. Hervorgehoben werden kann die Textpassage, in der die Kindheit Brunos geschildert wird. Sie vermittelt eine klares Bild des Machtmenschen Bruno Grobschneider. Man merkt bald, dass Alexander Widner, den Namen „Grobschneider“ für den Bürgermeister von Kreitzberg nicht zufällig wählt, sondern dem Leser gleichzeitig einen Hinweis auf das Wesen des Menschen geben will.
Kreitzberg ist eine sehr persönliche Abrechnung von Alexander Widner mit seiner Zeit in der Kulturabteilung der Stadt Klagenfurt. Der Insider kann sogar einzelne Romanfiguren, deren Namen natürlich geändert wurden, konkreten Personen der Klagenfurter Stadtpolitik zuordnen. Auch für den Außenstehenden ist es leicht, Parallelen zwischen der Geschichte und dem realen Leben zu ziehen. Als Beispiel sei das „Ochsenbergtreffen“, eine Anspielung auf das ohnedies abgesagte Ulrichsbergtreffen, genannt. Deswegen hat dieser Roman nicht nur provinzielle Bedeutung, sondern kann im ganzen deutschsprachigen Raum gelesen werden.
Beim Lesen einiger Textpassagen, besonders jener in welcher Bruno nackt durch die Stadt läuft, stellte ich mir die Frage, wie weit ein Schriftsteller gehen dürfe. Da es sich um einen satirischen Roman handelt, bin ich der Meinung, dass Alexander Widner durchaus übertreiben darf. Nachvollziehbar scheint mir, dass sich die Stadtpolitiker rechtlich nicht gegen den Autor gewehrt haben, da ein Rechtsstreit wenig Sinn machen würde:

  1. Die Personen hätten sich in der Satire wieder erkennen müssen und somit indirekt dem Autor Recht gegeben.
  2. Ein Rechtsstreit hätte öffentliches Aufsehen erregt und dadurch den Verkauf des Werkes erheblich angekurbelt.

Aus diesen beiden Gründen sollten die Personen, die sich im Roman wieder erkennen, nicht Alexander Widner zur Rechenschaft ziehen, sondern die Fehler bei sich selbst suchen.
Detailreich werden die Umstände in der von Bruno gestalteten Stadtpolitik geschildert- nicht selten die reinste „Freunderlwirtschaft“. Bruno verteilt die wichtigen Posten an seine Freunde und Verwandten, die für andere Berufe ungeeignet sind. Anhand von "Kreitzberg" sieht man sehr gut, wie der politische Mechanismus funktioniert. Es gibt wenige Führungskräfte, die zu viel Verantwortung auf ihren Schultern tragen und viele Ja-Sager, die sich alles gefallen lassen und den Oberen zustimmen, um in der politischen Pyramide eine Stufe höher zu gelangen. Dieses Modell ist sicherlich auf jede mittelgroße Stadt, die auch nicht am „Würzelsee“ liegt, zu übertragen.
Ich konnte die schweigende und immer jasagende Klagenfurter Bevölkerung wieder erkennen und es gab mir zu denken, wie lange diese Art der Politik noch funktionieren würde.

Paul Pichl