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Claude Lanzmanns „Der letzte der Ungerechten“ als Anstoß zum Nachdenken über „Vergangenes“

Der Dokumentarfilm „der letzte der Ungerechten“ gibt wohl jedem einzelnen den Anstoß dazu, noch einmal gründlich über Menschenverachtendes, Schuld und Unrecht zum Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung nachzudenken. Doch um darüber schließlich diskutieren zu können, müssen wir zuerst einige Eckdaten abklären.
Der Regisseur des Filmes, Claude Lanzmann, ist am 27. November 1925 in Paris als Enkel jüdischer Immigranten aus Osteuropa geboren worden. Sein Großvater und sein Vater beteiligten sich im Ersten Weltkrieg und kehrten beide verwundet nach Hause zurück. Als die Wehrmacht 1940 in Frankreich einmarschiert, schließt sich die Familie der Résistance (Résistance ist der Sammelbegriff für die französischen und belgischen Widerstandsbewegungen gegen die nationalsozialistischen und faschistischen Besatzungsmächte im Zweiten Weltkrieg) an. "Es war die beste Art, sich selbst zu schützen", so Claude Lanzmann in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau. Er studierte Philosophie in Tübingen und arbeitete 1948/1949 als Lektor an der Freien Universität Berlin.
1963 heiratete er die französische Schauspielerin Judith Magre und 1971 in zweiter Ehe die deutsche Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff.
Bis 1970 widmete Claude Lanzmann sich hauptsächlich seiner journalistischen Tätigkeit und der Zeitschrift Les Temps modernes, seither wirkt er auch als Filmemacher. In seinem ersten Film Pourquoi Israel (1973) beschäftigte er sich mit der eigenen jüdischen Identität. Ein Jahr später nahm er die langwierige Arbeit an dem Dokumentarfilm Shoah (1985) auf.

Shoah ist ein zweiteiliger Dokumentarfilm aus dem Jahre 1985, in dem überwiegend Zeitzeugen der Schoah (Holocaust) befragt werden. Besonders an dem Film ist, dass kein einziger Leichnam zu sehen ist, sondern die Filmaufnahmen hauptsächlich aus Interviews und vielen langsamen Kamerafahrten an den heutigen Plätzen, an denen damals Tausende Juden deportiert und ermordet wurden, besteht. „Shoah“ gilt als ein Meilenstein in der filmischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust.
"Shoah", sagt er selbst, "ist die beste Mauer gegen das Vergessen. Der Film sollte viel öfter gezeigt werden. Zum Beispiel in einem Land wie Deutschland. Er wurde nicht sehr oft gezeigt. Man wird nie sagen können, dass "Shoah" ein alter Film ist. Er hat keine Ränder. Er steht in einem besonderen Verhältnis zur Zeit. Meinem Verhältnis."
Ich selbst habe erst jetzt, nachdem ich mich inniger mit dem Regisseur befasst habe, von dem Film erfahren, daher kann ich selbst keinen Kommentar zu dem Film abgeben.

Im Zuge seiner Arbeit an "Shoah" in den 70er Jahren hat Claude Lanzmann ein langes und beeindruckendes Gespräch mit dem Wiener Benjamin Murmelstein (1905-1989) geführt. So kam es zu dem 2013 herausgebrachten Dokumentarfilm „Der letzte der Ungerechten“. Im Zentrum stand Murmelsteins umstrittene Rolle als hochrangiger jüdischer Funktionshäftling.
Er leitete die vom NS-Regime geschaffene „Auswanderungsabteilung“ , die einzig dem Ziel diente, die Emigration von Wiener Juden anzukurbeln, in der Wiener Kultusgemeinde, die im Mai 1938 auf Weisung des NS-Regimes in „Jüdische Gemeinde“ umbenannt wurde. In dieser Funktion musste Murmelstein eng mit Adolf Eichmann zusammenarbeiten.

Am 29. Jänner 1943 wurde Murmelstein nach Theresienstadt deportiert, wo er vom 27. September 1944 bis zum 5. Mai 1945 letzter „Judenältester“ im Ghetto Theresienstadt war und somit den vorherigen, ermordeten Judenältesten Eppstein ablöste. Im Allgemeinen setzten sich die „Judenräte“ aus den jeweiligen Eliten der jüdischen Gemeinschaft zusammen. Sie wurden gezwungen, Juden als Sklavenarbeiter an die Deutschen zu liefern und diesen bei der Deportation von Juden in die Konzentrationslager zu helfen. Diejenigen, die sich weigerten, den Befehlen Folge zu leisten, wurden selbst erschossen oder in Vernichtungsslager gebracht.
Das Ziel der Nationalsozialisten war vor allem, die Judengemeinden Osteuropas auszuhungern und ihre Widerstandskräfte und -möglichkeiten systematisch zu schwächen.
Durch diese Maßnahmen der Besatzer, die zudem alle staatlichen Dienstleistungen strichen und verhinderten, entstanden enorme Versorgungsprobleme in den jüdischen Gemeinden. Daher nahmen die Judenräte auch am Aufbau eigener Ersatzinstitutionen teil. So versuchten sie zum Beispiel, die Lebensmittelverteilung oder Krankenstationen zu organisieren. Zugleich versuchten sie mit den ihnen verbliebenen Möglichkeiten, den Zwangsmaßnahmen entgegenzuwirken und Zeit zu gewinnen. Dazu verzögerten sie die Umsetzung der Befehle und bemühten sich, diese abzuschwächen.
Die aufgezwungene Notlage führte vielfach zu persönlichen Vorteilsnahmen und Günstlingswirtschaft. Dies führte in den jüdischen Gemeinden zu heftiger Kritik und Ablehnung, ja sogar zu Schuldzuweisungen an die Judenräte, so auch an Murmelstein. Doch jetzt stellen sich uns einige berechtigte Fragen, wie

Wer definiert Schuld? Steht uns Nachgeborenen ein Urteil zu? Warum setzen wir Nachgeborenen uns mit diesem Thema auseinander? Welche Gründe könnte es für eine Auseinandersetzung mit diesem Thema geben? Ist eine ähnliche Verstrickung in "Schuld" für meine Generation denkbar? Was können wir tun, damit uns eine solche Verstrickung in Schuld möglichst erspart bleibt? Gibt es einen freien Willen? Wie ist das in einer Diktatur? Wodurch kommt es zu einer Diktatur? Fällt die Demokratie den Menschen in den Schoß? Was sind wir der Demokratie schuldig?

Es liegt uns Menschen in der Natur, für Ungerechtigkeit oder Leid einen Schuldigen zu suchen, doch an dieser Stelle frage ich mich, ob man einen wie Murmelstein zum Schuldigen stempeln darf. Denn ich bin der Meinung, dass nicht viele von uns in seiner Situation so mutig, gerecht, ja gar heldenhaft gehandelt hätten. So nannte auch Lanzmann Murmelstein in einem Interview zu dem Film „einen Helden“, der „bis zuletzt gegen die Mörder gekämpft“ habe. Man sei mit Murmelstein „sehr ungerecht“ gewesen, der Film solle „Wiedergutmachung leisten“.
(Eine dieser Ungerechtigkeiten war zum Beispiel nach seinem Tod das verweigerte Totengebet in der Synagoge des Vorsitzenden der dortigen Kultusgemeinde, sowie der Verweis seiner Grabstelle auf den Friedhofsrand.)
Murmelstein hätte oft die Gelegenheit dazu gehabt, nach seinen Reisen ins Ausland dort zu bleiben, doch kehrte er immer wieder ins Deutsche Reich zurück, da er sich dazu berufen fühlte, noch einige Aufgabem erledigen zu müssen. Und ohne ihn wären mit Sicherheit viele weitere Juden dem nationalsozialistischen Regime zum Opfer gefallen. Denn er war bemüht durch hinhaltende Kooperation mit den Nationalsozialisten möglichst viele der internierten Juden zu retten, was im Fall der Deportationen in die Todeslager in einigen hundert Fällen auch gelang. Bei den Geretteten handelte es sich hauptsächlich um Mediziner, Pflegepersonal und andere für das Bestehen des Lagers unentbehrliche Experten, die Murmelstein zur Typhusbekämpfung und für die Verschönerung des Lagers zu Vorzeigezwecken für das Rote Kreuz benötigte.
Uns Nachgeborenen steht es außerdem nur bis zu einem gewissen Grade zu, über damalige Entscheidungen der Menschen in solch schwierigen Situationen zu urteilen, denn wir können, auch wenn wir von den Geschehnissen wissen, niemals nachempfinden, was diese für großes Leid zu ertragen hatten. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht mit dem Thema auseinandersetzen sollen, denn dafür sind genau solche Aufzeichnungen da. Sie sollen uns nicht vergessen lassen, was damals geschehen konnte, sie sollen uns zum Nachdenken „zwingen“, uns aufzeigen, wozu wir Menschen in der Lage sein können, anregen, selbstständig zu denken und nicht blind allem und jedem zu gehorchen.
Haben Menschen aus all diesen Grausamkeiten, die mitten unter uns geschehen durften, je etwas gelernt?
Viele inhumane Geschehnisse der letzten Zeit lassen in mir echte Zweifel hochkommen, auch wenn ich weiß, dass die Shoah ein einzigartiges und unvergleichbares Ereignis gewesen ist.

Jacquelin Obermüller, 8B