BG/BRG Lerchenfeld
Schulbezeichnung
Impressum |  Kontakt |  Neues |  Sitemap

„Der letzte der Ungerechten“

Erinnern heißt Einübung in Empathie und Trauerarbeit

„Was hab ich denn mit dem Kram zu tun, der vor 70 Jahren passiert ist?“. So oder so ähnlich lautet die Meinung vieler Jugendlicher zum Thema Antisemitismus und Zweiter Weltkrieg. Und das, obwohl das Thema Nationalsozialismus nicht nur in den Medien allgegenwärtig ist. Immer öfters treten rechtsextreme Gruppierungen in den Vordergrund. Revisionististische Geschichtsauffassung, Leugnen und Verdrängen sind an der Tagesordnung. Nicht nur Extremisten wollen, dass man die Vergangenheit abhaken soll. Bei diesem Punkt muss ich ganz klar ausdrücken, dass wir dieses Thema unserer Vergangenheit auf keinen Fall „abhaken“ dürfen. Jeder weiß, dass Gemordete nicht mehr zum Leben erwecket werden können. Kein Geld der Welt kann für das Entschädigen, was während des Nazi-Regimes passiert ist. Ist es deshalb zu viel verlangt, den Opfern ein bisschen Empathie entgegenzubringen? Mit unserem Erinnern, zeigen wir ihnen, dass es uns nicht egal ist, was vor nicht mal 70 Jahren in den Konzentrationslagern passiert ist.

Doch wer gibt uns Nachgeborenen das Recht, über Vergangenes zu urteilen? Oft sind wir durch alte Menschen mit dieser Frage konfrontiert. Der eigene Verstand sollte genügen, um zu verstehen, dass diese menschenverachtenden Gräueltaten nicht zu entschuldigen sind.

In der Interview-Dokumentation, die bereits 1975 aufgezeichnet wurde: „Der letzte der Ungerechten“, geht es im Grunde genommen um einen ehemaligen jüdischen Funktionär, der von den Nationalsozialisten als Judenältester in Theresienstadt „benutzt“ wurde. An ihm entzünden sich die Gemüter. Ist er ein „Gerechter“ oder ein „Ungerechter“?

Zum Zeitpunkt des Interviews galt der Zeitzeuge der „Endlösung der Judenfrage“ oder der „Sonderbehandlung“, wie es im Jargon der Nationalsozialisten hieß, Benjamin Murmelstein, der gleichzeitig auch der Hauptprotagonist der Dokumentation ist, als eine umstrittene Persönlichkeit. Claude Lanzmann meint, er sei ein Held des Judentums, andere forderten für ihn die Todesstrafe. Grund dafür ist, dass meinungsbildende Juden wie Gershom (Gerhard) Scholem behaupteten, man hätte den Nationalsozialismus in Deutschland als Jude nur dann überleben können, wenn man sich mit den Nazis gut gestellt hätte. Auch die Ausführungen der Philosophin Hannah Arendt über die Judenräte haben dieses Thema angereizt. Viele Überlebende galten somit als Kollaborateure. Die meisten Gepeinigten stellten sich immer wieder die Frage: „Warum habe ausgerechnet ich überlebt, während meine Angehörigen verstarben?“.

Mit dem ausführlichen Interview „Der letzte der Ungerechten“, versucht der französische Regisseur und Produzent Claude Lanzmann den Ruf seines Interviewpartners zu retten.

Doch wie sieht es im Allgemeinen aus? Sollte man das Vorgefallene schnellst möglich vergessen, weiterhin verdrängen, oder sollte man das Thema Nationalsozialismus weiter erinnern? Es wäre fatal, die Schrecken und Leiden des zweiten Weltkriegs zu vergessen. Die Personen, die dem Verdrängen das Wort redeten und reden, sind oft diejenigen, die sich die Mitschuld nicht eingestehen wollen und ihrer „Meinung“ Nahestehende.

Für viele Jugendliche ist die Demokratie, wie wir sie heute kennen, ein selbstverständliches Gut und sie bedenken nicht, wie viel Leid, Trauer und Wut es gekostet hat, um eine freie Meinungsäußerung sowie ein allgemeines Wahlrecht zu erkämpfen. Deshalb verstehe ich es auch nicht, wenn manche Menschen nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Denn die Devise gilt: Wer nicht wählen geht, unterstützt immer den Falschen. Abgesehen davon, ist Europa auf dem richtigen Weg, die Länder und Nationen rücken immer näher zusammen. Die einstigen Erzfeinde sind nun wirtschaftlich, sowie politisch verbunden. Doch wir müssen aufpassen, denn die extremen Gruppierungen nehmen stark an Mitgliedern zu. In Frankreich erreichte die rechtsgerichtete Partei „Front National“ erstmals 24% der Wähler.

Doch zurück zur Person Benjamin Murmelstein: Er war „Judenältester“ in Theresienstadt und Mitarbeiter des Judenrates in Wien. Diese Funktion wurde von der SS (Schutzstaffel) ins Leben gerufen. Die sogenannten Judenräte wurden zwangsweise ernannt. Sie hatten die Aufgabe, Organisatorisches zu erledigen, Deportationslisten zu verfassen und den Nazis gefügig zu sein. Dazu gehörten Aufgaben wie Zwangsarbeiter zur Verfügung zu stellen, Wertsachen zu konfiszieren und Listen zu schreiben. Dieser Umstand führte zu heftiger Kritik und zur teilweisen Ablehnung. Als später bekannt wurde, dass der österreichische Rabbiner Murmelstein eng mit dem geflohenen Adolf Eichmann zusammenarbeitete, forderte der in Israel lebende Gersholm (Gerhard) Scholem sogar die Todesstrafe. Dabei kann ich ihm auf keinen Fall zustimmen. Man kann Benjamin Murmelstein nicht einfach unterstellen ein Kollaborateur gewesen zu sein. Alleine die Vorstellung regt in mir ein ungutes Gefühl. Niemand kann sich in der heutigen Zeit vorstellen wie es ist, in ständiger Todesangst zu leben. Deshalb darf auch nicht über sein Handeln geurteilt werden. Mit seiner erzwungen Arbeit als Judenältester hat er erwiesenermaßen vielen Unschuldigen das Leben gerettet.

Abschließend möchte ich nochmals betonen, dass wir das Vorgefallene unter keinen Umständen vergessen dürfen. Ich muss mir in der heutigen Zeit immer öfter mit ansehen, wie der zweite Weltkrieg und das damit verbundene systematisierte Morden von Juden weiterhin heroisiert und gut geheißen wird. Das darf unter keinen Umständen unwidersprochen geschehen.

Marco Köster