BG/BRG Lerchenfeld
Schulbezeichnung
Impressum |  Kontakt |  Neues |  Sitemap

Das Schicksal Überlebender

Im Jahr 2013 ist der knapp vierstündige Interviewfilm „Der letzte der Ungerechten“, entstanden 1975, von Claude Lanzmann in einige Kinos gekommen. Lanzmann wuchs als Enkel jüdischer Immigranten in Paris auf und bekam früh den sich immer stärker ausbreitenden Antisemitismus mit. Für seinen wohl bekanntesten Dokumentarfilm „Shoah“ beschäftigte er sich intensiv mit dem Holocaust und interviewte für den Film unzählige Zeitzeugen, darunter auch Benjamin Murmelstein.

Dieser war der letzte Judenälteste11 im Ghetto Theresienstadt in Tschechien und Funktionär des Judenrates in Wien. Einige Überlebende warfen ihm die Zusammenarbeit mit den Nazis vor und unterstellten ihm vereinzelt sogar selbstherrliche Handlungen. Eine Verurteilung von Murmelstein ist keinesfalls gerechtfertigt. Vor seiner Stellung als Judenältester hat er vielen Juden durch das Ermöglichen der Emigration das Leben retten können. Als er dann nach Theresienstadt deportiert wird und später zum Judenältesten ernannt wird, kann er erst durch die Kooperation mit den Nationalsozialisten das Leben unzähliger Juden retten. Selbst wenn er nicht viele Menschenleben hätte retten können, wäre ihm wohl kein Vorwurf zu machen, da die Nazis bei Weigerung der Zusammenarbeit, nicht lange gezögert hätten, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Er ist vielmehr das absolute Gegenteil eines Kollaborateurs. Trotzdem hatte er diesbezüglich immer wieder mit Vorwürfen zu kämpfen. Gershom (Gerhard) Sholem ging mit seinen Vorwürfen gegen Murmelstein noch weiter und forderte dazu auf, Murmelstein in Israel vor Gericht zu stellen und zum Tod zu verurteilen.

Der Umgang von Russen mit KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen ist seit Kriegsende problematisch. Die Überlebenden wurden von Stalin als Verräter gesehen, da diese den Deutschen als Zwangsarbeiter gedient hatten. So wurde den Opfern in Russland oft das Schicksal zuteil, in einen Gulag gesteckt zu werden und als Zwangsarbeiter schuften zu müssen. Viele der Juden verheimlichten auch in Israel ihre Vergangenheit, weil Überlebende dort immer wieder vorwurfsvoll gefragt wurden, warum sie überlebt hätten.

Die Überlebenden für ihr Überleben schuldig zu sprechen, ist sicherlich nicht richtig. Zunächst einmal sollte man bedenken, dass die Opfer während des Aufenthalts im KZ unter Todesangst litten, unter welcher wohl die meisten Menschen so gut wie alles unternehmen würden, um ihr Leben zu retten. Selbst der größte Patriot, dem sein Leben noch so wenig wert ist, würde die Zwangsarbeit unter den Nazis nicht verweigern, Kollaborationsvorwurf hin oder her.

Heute leben Überlebende leider immer noch sehr häufig benachteiligt, so wie etwa Alexandra Kainowa. Sie hat den Holocaust überlebt und ist heute wieder in ihrer russischen Heimatstadt Wolgograd wohnhaft. Ihre 300-Euro-Rente reicht nie und nimmer für ihre teuren Medikamente, auch die orthopädische Matratze wäre unleistbar für sie, wäre da nicht die bescheidene Rente von Deutschland, die ihr neben der orthopädischen Matratze und den Medikamenten auch einige Einrichtungsgegenstände in den 90ern finanziert hat. Doch damit könnte bald Schluss sein, wenn es nach der Regierung Putins geht. Das NGO-Gesetz setzt die finanzielle Unterstützung der KZ-Opfer durch Deutschland aus, und Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie Alexandra Kainowa, stehen mit leereren Taschen da.
Ähnlich schlecht ist die Lage in Israel. So werden die Nöte der Nazi-Opfer verkannt und es leben mehrere tausend von ihnen unter der Armutsgrenze.

Ich denke, wir setzen uns aus dem einfachen Grund mit dem Holocaust auseinander, weil wir an unserer Vergangenheit interessiert sind und aus dem vergangenen Geschehen lernen können, beziehungsweise sollten. Auch ist es im Sinn der Gerechtigkeit wichtig, für die Opfer und deren Nachfahren klar zu stellen, das Deutsche und Österreicher zu Empathie fähig und willens sind.

Wer definiert überhaupt Schuld? Zum einen gibt es das Recht des Menschen auf Leben und Unversehrtheit, zum anderen sollte uns das Gewissen leiten.
Was die Nationalsozialisten (wer auch immer die waren) gemacht haben, war unleugbar ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Nazis, das waren die erwachsenen Generationen zwischen 1933 und 1945. Es waren Österreicher, Deutsche, Kollaborateure aus ganz Europa.

Uns Nachgeborenen steht unter der Voraussetzung, sich tatsächlich mit der Thematik auseinandergesetzt zu haben, sehr wohl ein Urteil zu, welches man aber mit Bedacht wählen sollte, da wir trotz allem nicht die Ereignisse selbst durchlebt haben, und nur zu einem gewissen Grad das Geschehene nachvollziehen können.
Eine ähnliche Verstrickung meiner Generation in Verbrechen gegen die Menschlichkeit wäre durchaus denkbar. Gerade, weil eine gewisse Antriebslosigkeit unter den Jugendlichen der Gegenwart herrscht und viele junge Menschen für nichts “stehen“, würden sie auch heute wieder einem jeden politischen Rattenfänger hinterher laufen. Es wäre durchaus möglich, dass die Demokratie noch einmal in Gefahr geraten könnte, das zeigen zahlreiche Beispiele in aller Welt (Griechenland, Argentinien, Chile etc.).

Vor einigen Jahren gingen die Menschen bei uns noch eher auf die Straße, um beispielsweise gegen Nationalsozialisten zu demonstrieren. Heute funktioniert das mit dem Aufregen zwar noch immer sehr gut, aber demonstriert wird bevorzugt vor dem PC, nicht durch tatsächliche aufklärerische Taten.
In Sachen Umweltschutz wäre es auch vorstellbar, dass unsere Generation in Zukunft einiges zu hören bekommt.
Ich glaube, einer gewissen Schuldverstrickung entkommt keine Generation so wirklich, da es doch einfacher ist, durch Projektion die Schuld von sich zu weisen, als sich mit ihr auseinander zu setzen.

Meiner Meinung nach gibt es einen freien Willen. Das heißt, wir können entscheiden, etwas zu tun oder eben nicht (ein bewusstes Veto einzulegen, dem Impuls nicht zu folgen). In einer Diktatur besitzen wir diese Fähigkeit genau so. Das einzige Problem ist, dass oft die für eine Entscheidung vorausgesetzte alternative Handlung in diesem System mit harten Strafen in Verbindung steht. Ob oder wodurch es zu einer Diktatur kommt, hängt von vielen Faktoren, wie etwa dem Bildungsstand der Gesellschaft oder der wirtschaftlichen Situation, ab. Die Wahrscheinlichkeit einer Diktatur ist daher dann sehr groß, wenn viele dieser Faktoren gleichzeitig eintreffen.
Der Demokratie sind wir, natürlich unter der Vorraussetzung, dass wir diese befürworten, zunächst einmal schuldig, wählen zu gehen und dies auch mit Bedacht zu tun. Es ist auch wichtig, sich für die Demokratie einzusetzen und ihren möglichen Totengräbern entschieden und beherzt entgegen zu treten.
Auch wenn so etwas wie „Wiedergutmachung“ im eigentlichen Sinne nicht möglich ist, da das Leid der Opfer durch kein Geld der Welt zu entschädigen ist, Ermordete nicht mehr lebendig werden, liegt es in unserer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Überlebende unter würdigen Verhältnissen ihr restliches Leben verbringen können. Ebenso dürfen die tragischen Ereignisse nie in Vergessenheit geraten!

1 Der Judenälteste ist einer, von den nationalsozialistischen Behörden Zwangsbeauftragter, der gezwungen ist, einen Judenrat zu stellen. Der Judenrat war wiederum für die jüdische Bevölkerung in einem gewissen Bereich verantwortlich, und musste diese den Nazis zum Beispiel als Zwangsarbeiter zur Verfügung stellen oder Wohnungen räumen lassen. Obwohl die Judenräte sich in den meisten Fällen sehr für die jüdische Bevölkerung engagiert haben, verblieb meist jeglicher Erfolg. So werden Judenälteste später oft als Kollaborateur der Nazis dargestellt.

Philipp Preyhaupt