BG/BRG Lerchenfeld
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Brief an Erich Kästner

Geschätzter Herr Emil Erich Kästner!

Vielen Dank Herr Kästner, dass Sie sich die Mühe machen, meinen Brief zu lesen. 

Der Grund meines Briefes ist ein ganz banaler. Wir hatten im Deutschunterricht den Auftrag, einen Brief an Sie zu schreiben. Da es aber zum Teil nur eine kleine Postkarte wurde, habe ich aus diesem Grunde die Aufgabe bekommen, den Kurzbrief in einen ordentlichen zu verwandeln. Nachdem ich Ihnen den Grund des zweiten Briefes jetzt erklärt habe, darf ich mich ausführlicher als im ersten Schreiben mit Ihnen in dieser Form unterhalten.



Bitte verzeihen Sie mir meine teilweise kindliche Ausdrucksweise. Ich bin erst 13 Jahre alt, besuche das Lerchenfeldgymnasium in Klagenfurt und gehe in die 4. Klasse. Nicht immer ist es leicht in der Schule. Manchmal ist der Druck schon sehr hoch und ich habe das Gefühl es geht nicht mehr. Plötzlich fällt mir Ihre Ansprache zum Schulbeginn ein: „Lasst euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine alte Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr. Man nötigt euch in der Schule eifrig von der Unter- über die Mittel- zur Oberstufe. Wenn ihr schließlich droben steht und balanciert, sägt man die "überflüssig" gewordenen Stufen hinter euch ab, und nun könnt ihr nicht mehr zurück! Aber müsste man nicht in seinem Leben wie in einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne den Keller mit duftenden Obstsorten und ohne das Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel? Nun - die meisten leben so! Sie stehen auf der obersten Stufe, ohne Treppe und ohne Haus und machen sich wichtig. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!“ Meine Eltern sind jedenfalls darauf bedacht, dass wir Kinder so lange unsere Kindheit ausleben sollen, solange wir wollen. Mein Vater sagt immer: „Man muss die Kindheit im Herzen bewahren“. Ganz ehrlich, manchmal kommt er mir schon ein bisschen kindisch vor. Wie ich schon sagte, ist meine Kindheit nicht von Armut betroffen. Im Gegensatz zu Ihrer Kindheit habe ich alles was ich brauche und sogar noch mehr. Zurück zur Schule: Im Deutschunterricht befassen wir uns ebenfalls mit dem Widerstand im 2. Weltkrieg. In diesem Unterricht lesen wir das Buch: Ich trug den gelben Stern. Da ist mir ebenfalls ein Zitat von Ihnen in Erinnerung: „Ein Schriftsteller muss mit seinem Volk das Schicksal tragen“! Ich rechne Ihnen hoch an, dass Sie diesem grauenhaften Regime die Stirn geboten haben und dadurch auch den Schergen des 
3. Reiches ausgesetzt waren. Ihre Art des geleisteten Widerstandes hat mir sehr imponiert. Ich habe über den Widerstand geschrieben, dass ich froh bin in einer so ruhigen Zeit und so wohlbehütet aufwachsen zu dürfen, und dass ich mir diese Zeit in dunkelsten Träumen nicht vorstellen kann. Wie ich den Widerstand begangen hätte, kann ich so nicht sagen. Ich bin auch begeistert von Ihren Büchern. Jedoch muss ich mir eingestehen, dass ich nicht viele gelesen habe. Ich versuche gleichermaßen, wie Sie, mir den kindlich unbekümmerten Zugriff zur Wirklichkeit zu bewahren. So schließt sich der Kreis von meiner Kindheit und dem Bewahren des Kindlichen in Ihren Romanen. „Das doppelte Lottchen“, „Das fliegende Klassenzimmer“ sowie „Emil und die Detektive“ und „Die Konferenz der Tiere“ zählen zu meinen Favoriten. Ihre Bücher helfen mir in manch schweren Stunden meine kindliche Seele wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So bin ich manchmal Eins mit Ihnen und hoffe ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch genommen zu haben. Nun schließe ich in Verbundenheit mit Ihnen, mit einem Satz aus der Ansprache zum Schulbeginn: „Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!“

Ihre
Chiara Sarao, 4C