BG/BRG Lerchenfeld
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Erörterungen

Sie sind eine anspruchsvolle Aufsatzgattung, in welcher die Schreiber sich bemühen, Standpunkte zu einem Thema in einem Aufsatz so zu versammeln, dass der Leser von den Schreiberkompetenzen und den demokratischen Fähigkeiten derselben — verschiedene auch gegensätzliche Standpunkte in den Diskurs einzubeziehen und sich ein eigenes reifes Urteil bilden zu können — beeindruckt wird.
Weil aber niemand alles unvorbereitet erörtern kann, werden Lehrer zum Thema Erörterung wohl überwiegend bereit sein, die in Frage kommenden Themenkreise vorzugeben.
Deutschlehrer wissen, dass für eine gute Erörterung eine gewisse Spannung da sein muss, das heißt, die Schülerinnen und Schüler sollten heiß darauf sein, sich in Form eines Aufsatzes zu einem bestimmten Thema äußern zu dürfen. Deutschlehrer tun sich damit auch selbst etwas Gutes, weil sie aus den schönen und reifen Arbeiten auch Nutzen ziehen können und keinen mit Vorurteilen durchsetzten Blödsinn lesen müssen. (Lernen und Lehren sind ja keine Einbahnstraßen!)
Alle am Unternehmen Erörterung Beteiligten werden auf eine grundsätzliche vernünftige Regel eingeschworen:

  • In der Erörterung ist alles erlaubt, es herrschen keine wie immer gearteten Zwänge, außer dem Zwang des besseren Arguments!
  • Das Lernziel des Unternehmens und sein praktischer Nutzen ist schlüssiges Argumentieren. Dabei wird jeweils das schlechtere Argument vom besseren geschlagen, Dogmen (unumstößliche Wahrheiten) gelten als unschick, Argumente für oder gegen etwas sind gefragt. Auch eine Meinung musst du dir erarbeiten, das kann anstrengend sein, ist aus demokratiepolitischen Gründen aber nötig, weil Leute ohne Meinung dazu neigen, unmündig zu sein und für sich denken zu lassen. Das ist auch gefährlich, weil man unmündig und ohne Meinung von Vordenkern verführt werden kann. Auch aus diesem Grunde werden also Erörterungen geschrieben, damit du Schritt für Schritt zum Mitdenker wirst und die Verantwortung für dein Tun zu übernehmen lernst.

Als Vorbereitung für die Erörterung würde sich das folgende Verfahren bewähren:

Der Deutschlehrer gibt Themenkreise (aus denen sich dann unterschiedliche Schularbeitenthemen stricken lassen) vor und ihr Schülerinnen und Schüler liefert im Plenum oder in Gruppenarbeit im Verfahren "Brainstorming" Stichwörter, die dann ohne Rücksicht auf eine richtige Reihenfolge entweder vom Lehrer oder Gruppenleiter in einem ersten Schritt gesammelt und in eine Liste geschrieben werden. Je umfangreicher eine solche Liste ist, desto mehr Auswahl für eure engere Wahl ist dann vorhanden. In einem weiteren Schritt kann dann wieder im Plenum (ist wahrscheinlich zu lehrerzentriert) oder in der Kleingruppe eine Stichwortgliederung erfolgen. Dazu werden die zum Thema passenden Stichwörter ausgewählt, die weniger zum Thema passenden Stichwörter unter den Tisch fallen gelassen. Die Stichwortsammlung wird gegliedert (Minimalgliederung: Einleitung — Hauptteil — Schluss). Nun liegt der Aufsatz in Stichwortform vor euch — die Übung hat im Idealfall alle eure Sinne am Unternehmen beteiligt (Augensinn — Ohrensinn — Gesichtssinn — Schreibmotorik — "Festplatte" (Langzeitgedächtnis)), ihr habt einen eindeutigen Zugewinn an Informationen und es gibt Denkansätze, die nur darauf warteten, im Falle eines Aufsatzes realisiert zu werden. Der Lehrer lässt also kaum Übungsaufsätze schreiben, sondern führt seine Leute über Brainstormings und Stichwortgliederungen zu einer bestimmten Spannung zu einzelnen Themen. Zu manchen Themenkreisen wird es nötig sein, Material zu sammeln. Das kann auch gemeinsam geschehen, wobei vom Lehrer kleinere Rechercheaufträge aus Informationsquellen vergeben werden.

Beispiel:

"Laut der neuesten Kriminalstatistiken gibt es eine verstärkte Neigung zur Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen — wo liegen Gründe und Ursachen für diesen Trend und was könnten wir dagegen tun?"

Material:

  • Hier wird es wohl nötig werden, pädagogische und psychologische Stellungnahmen zur Thematik einzuholen und sich das durchschnittliche soziale Umfeld von jugendlichen Gewalttätern anzusehen.
  • In welchem Umfeld kommen solche Delikte eigentlich vor? Wie sehen diese Delikte aus? Gibt es spezifische Gewaltopfer? Gibt es spezifische Tatorte? Wie sehen die Täterverhältnisse aus? (Arbeitslosigkeit, keine oder unzulängliche Wohnung, Armut, Haftentlassener ohne Chance)? Sind Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit mit im Spiel?
  • Wenn ja, was könnte dagegen unternommen werden? Wie könnte an die Stelle der Hoffnungslosigkeit Hoffnung treten? Was ließe sich gegen die Arbeitslosigkeit unternehmen?
  • Wird die Ausübung von Gewalt als geeignetes Mittel gesehen, eigene Interessen durchzusetzen? Was könnte in einem solchen Fall getan werden, um zu zeigen, dass Gewalt immer ein untaugliches Mittel ist?
  • Es wird darauf ankommen, zu wissen, welche Gruppenkontakte solche Täter haben, in welchem Klima sie aufwachsen (autoritäre, demokratische oder überforderte Eltern mit laisser faire — Erziehungsstil), welche politischen Ansichten sie teilen (Rechtsextremismus, Linksextremismus, Anarchismus), welche Schulkarrieren sie hinter sich haben und wie viel Freiheit sie auszuhalten bereit sind.
  • Dann werdet ihr euch im Einzelfall noch die Frage stellen, ob die Eltern, die Lehrer und das soziale Umfeld ebenfalls versagt hätten und ob es typische Gewaltkarrieren gibt. Auch müsst ihr euch wohl mit der kritischen Fragestellung auseinander setzen, was eine moderne Rechtssprechung zu leisten hat.
  • Wäre bloßes Einsperren und Verwahren ein Weg, um Schuldbewusstsein und Reue zu erzeugen und im Täter aus einem Unrechtsbewusstsein den Wunsch entstehen zu lassen, einen Teil der Schuld durch soziale Handlungen wieder abtragen zu können? Welche Ansichten vertreten die momentanen Regierungsparteien? Wie sieht das die Opposition? Haben auch die Kirchen Meinungen und Standpunkte? Wie sähe wohl eine öffentliche Meinung aus, würde sie heute erhoben werden? Solche und viele andere Fragen werden wohl zu klären sein.
  • Vorschläge zur Resozialisierung der Gestrauchelten sind ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. Was bringt wohl der außergerichtliche Tatausgleich bei kleineren Delikten?
    • Gefängnisse werden sich leeren,
    • jugendliche Täter müssen sich mit Sozialdiensten und humanen Fragen auseinander setzen, bekommen positive Beispiele, ein besseres Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung zurück.

Wie sollte nun eine gute Erörterung aufgebaut sein?

  • Vorurteile (vorschnelle Urteile, die ohne Kenntnis der Sachlage oder Thematik kurzschlüssig getroffen wurden und einer kritischen Überprüfung nicht standhalten) sollen möglichst vermieden werden. Dagegen hilft am besten gute Recherchearbeit.
  • Auf eine aufgestellte These (Schlussfolgerung) sollen Argumente, eventuelle Gegenargumente und eventuelle Beispiele folgen. Anschließend müsst ihr selber einen Standpunkt beziehen, der dann so aussehen könnte, dass er
    • eher dem Argument,
    • eher dem Gegenargument Recht gäbe oder auch
    •  in Form einer Synthese erfolgen könnte, die dann so aussähe, dass ihr teils den Argumenten und teils den Gegenargumenten Recht gäbet, beiden Parteien aber auch Denkfehler in ihren Schlussfolgerungen nachwieset und diese möglichst in der eigenen Argumentation nicht wiederholtet.
  • Weil ein Aufsatzschreiber in der Unterstufe und Mittelstufe noch kein formaler Logiker und auch noch kein wandelndes Lexikon ist, wird er seinen Aufsatz so gliedern, dass er unterschiedliche Argumente zur oben angeführten Thematik in fünf Abschnitte gliedert:

Ein grober Gliederungsvorschlag zum Beispielthema:

  • 1) Einleitung ins Thema: Ihr tut gut daran, die Thematik zu reflektieren und stichwortartig zu wiederholen. (Das verhindert ein Verfehlen des Themas, weil ihr euch zunächst einleitend über das Thema Rechenschaft gebt!)
  • 2) In diesem Block werdet ihr Argumente der Law-And-Order-Diskutantengruppe wiedergeben (z.B.: "Wir sind für hartes Durchgreifen der Justiz gegen jugendliche Gewaltverbrecher, weil...")
  • 3) In einem dritten Block gebt ihr der Gruppe der denkliberalen und aufgeklärten Optimisten das Wort (z.B.: "Gewalt ist keine gute Antwort auf Gewalt, weil sie immer zu neuer Gewalt führt...")
  • 4) In diesem Block bildet ihr euch euer eigenes Urteil. Ihr habt dafür die drei Möglichkeiten
    • a) die These zu bestätigen (Law — And — Order)
    • b) die Antithese zu bestätigen (denkliberaler Optimist)
    • c) die Synthese (Zusammenschau) von These und Antithese zu schaffen und beiden Parteien in Ansätzen zuzustimmen, beide Parteien aber auch kritisch zu betrachten.
    Dabei passt ihr auf, dass euch keine Argumentationsfehler unterlaufen und eure Standpunkte auch keine Kurzschlüsse in Form von Vorurteilen enthalten.
  • 5) In diesem abschließenden Block gebt ihr eure Lösungsvorschläge ab, die sich zwingend auf das unter 4) Geschriebene beziehen werden.

Was immer wieder zu beachten sein wird:

  • Bei manchen Themen laufen wir Gefahr, zu Projektionen zu neigen. Projektionen sind nach Anna Freud Abwehrmechanismen der Psyche auf dunkles Unbewusstes, das uns Angst macht. Weil die Hölle um uns immer die Hölle in uns ist, ist diese Hölle aus unserem Unbewussten in einem komplizierten Verfahren, das sich Psychoanalyse nennt, zu bekämpfen. Das ist immer anstrengend und kaum ohne fremde Hilfe zu schaffen. Es kann auch sehr viel kosten und ist ein individuelles Unternehmen.
  • Es ist aber erheblich leichter diese unsere Hölle von uns abzuspalten und auf eine sicher entfernte "Leinwand" zu projizieren. Dort lässt sie sich dann für uns, folgenlos im doppelten Sinn — weil es uns selber weder weh tut noch uns hilft, bekämpfen und vernichten.
  • Das Abgespaltene, das Projizierte wird dann mit besonderer Härte "geopfert" (z. B.: Juden von den Nazis im Dritten Reich, brennende Ausländerheime und erschlagene Farbige von gewaltbereiten kriminellen Rassisten der Gegenwart).
  • In der Projektion merken wir also nicht, dass der Jude, der Ausländer oder der Farbige die finstere Seite von uns selber ist, die im Anderen für uns schmerzlos bekämpft wird. Wir neigen in unseren Urteilen immer dazu, bei uns selber Maß zu nehmen und dieses Maß auf andere zu übertragen. (Der Schelm ist wie er denkt! — Das gilt auch für jede noch so gut gemeinte Kritik in gewissem Maße, denn der Kritiker ist der Schatten des Kritisierten.)
  • Wir hören oft auf, uns mit dem Anderen zu beschäftigen, noch bevor wir damit richtig begonnen haben. Unsere Urteile sind oft schon fertig, bevor wir den Gegenstand, auf den sie sich beziehen, überhaupt nur oberflächlich kennen. Wir neigen zu Fehlern in unserer Wahrnehmung, oft auch deshalb, weil wir uns selber nicht richtig wahrnehmen und nicht akzeptieren (fehlende Selbstachtung).
  • In vielen Fällen wird es besser sein, Phänomene einfach zu beschreiben, keine vorschnellen Urteile abzugeben. Wahrnehmen will allerdings gelernt sein! Eine Vorübung könnten Selbstwahrnehmungen sein, die in Tagebuchform aufgezeichnet werden. Auch auf die Sprache, die in der bezeichneten Situation Verwendung findet, sollte geachtet werden. Oft geht es in ihr um verbrauchte Sprachhülsen, die an eine Barbarensprache in undemokratischen Zeiten erinnern. Die sollten wir in unserer Sprachverwendung meiden, weil wir im anderen Falle in den Verdacht kämen, auch die Geisteshaltung der Barbaren zu teilen.
  • Es ist in Teilen der österreichischen Denkerszene schick geworden, auf die "Gutmenschen" herabzusehen, sich über sie lustig zu machen. Trotzdem sollte daran gedacht werden, dass wir Menschen mit sozialem Gewissen nötig haben, damit sich die Katastrophen aus der Geschichte nicht in abgewandelter Form weitere Male ereignen. Also keine Angst vor dem "Gutmenschenvorwurf", dem "Gelächter über Tugendterroristen". Setzt dagegen einfach den Mut zur Wahrheit und zum aufrechten Gang. Deutschlehrer sind gemeinhin keine Mitglieder der Inquisition, sie verlangen auch keine Gesinnungsarbeiten, lassen dem breiten Spektrum von Möglichkeiten Raum, unterwerfen sich jedoch der schlagenden Regel aus der Einleitung: Es gilt der Zwang des besseren Arguments. Ihre Kritiken werden sich daher auf Vorurteile und Projektionen beschränken, die sie euch nachweisen können, der demokratische Raum der Schule ist groß genug für alle denkmöglichen gut argumentierten Positionen, auch für jene, die sich kritisch mit den Gegebenheiten auseinander setzen. Versucht einfach über die Worte "Gutmenschen" oder "Tugendterroristen" nachzudenken, dann werdet ihr draufkommen, dass sie mehr über die Benutzer hergeben als über das von ihnen Bezeichnete.
  • Die Leser eurer Arbeiten wollen von euch kreative Ideen, Mut zu eigenen Stellungnahmen, kritisches Nachdenken über Allgemeinplätze (allseits akzeptierte Binsenweisheiten), soziales Sprachhandeln, weil es die Voraussetzung für soziales Handeln ist.

Mag. Albert Pulferer